Holy Gravel – Die dritte Etappe

Der Wecker klingelt wieder um 6 Uhr. Da bin ich mindestens schon 30 Minuten wach. Ich muss unheimlich dringend für kleine Bikepacker – will aber nicht aus dem warmen Schlafsack. Lohnt sich doch gar nicht. Ich spiele sogar mit dem Gedanken Josh zu wecken, damit wir aufbrechen können. Der Unruhig-Tobi ist also auch schon wach. Mit tiefen zen-mäßigen Achtsamkeitsatmungen schaffe ich es aber stillzuhalten. Was tut man nicht alles für so einen Partner in Crime!

Beim Klingeln schäle ich mich prompt aus dem Schlafsack und schlüpfe in meine kurze Thermal-Radhose und ziehe die Beinlinge an. Über den Merino-Baselayer, den ich die komplette Tour nicht ausziehen werde, kommt mein schickes kupferfarbenes Merino-Langarmtrikot: Das Auge fährt schließlich mit.

Die Umgebung, ein riesiger Rasenplatz, Autohöher-Parkplatz und die dänische Schule sind menschenleer. So können wir die Wurstbude bequem ausleuchten und unsere Sachen in die Bikepacking-Taschen stopfen.

Unser erstes Ziel ist der nördlichste Punkt des Holy Gravel – Fleckeby – dort gibt es eine Tankstelle. Und was das für eine ist – uns fallen die Augen aus, als wir dort ankommen. Dort gibt es einen Tisch mit Stühlen, Strom und bevor wir uns setzen fragt uns die freundliche Angestellte, ob wir denn schon mal was wünschten: „Jeder einen Kaffee“ kommt die direkte Antwort. Wir setzen uns ein Aufenthaltslimit von 30 Minuten.

Nach zwei Franzbrötchen geht es hoch motiviert weiter. Dass es ab Mittag viel regnen soll ist uns ziemlich egal. Wir haben das Ziel fest vor Augen und sind uns sicher, dass wir es heute schaffen werden. Doch es soll leider teilweise anders kommen.

Nach ca. 20 Kilometern wollen wir in den Brekendorfer Forst einbiegen – da raunt mir Josh gepresst zu „Schau mal da rechts!“. Dort steht ein stattlicher Hirsch im Nieselregennebel auf einem Acker, läuft auf den Waldweg – keine 20 m genau vor uns und verschwindet dann im Unterholz. Das war dann aber auch das Schönste, was dieser und der nächste Forst für uns zu bieten hat. Denn ab jetzt geht es in kleinsten Schleifen durch Wald mit ordentlich hoch und runter. Es nieselt die ganze Zeit und der Boden ist sehr weich – Schlamm überall.

Als wir ein recht nobles Hotel erreichen hat Josh seinen dritten Platten der Tour. Damit ist er unglücklicher Gewinner des goldenen Schlauchs! Herzlichen Glückwunsch nochmal an dieser Stelle. Das Gute: Hier gibt es eine öffentliche Toilette. Sie ist angenehm warm, so dass ich mir viel viel Zeit beim Händewaschen lasse.

Nach 10 Kilometer verlassen wir diese zwei aneinander grenzenden Forstgebiete. 10 Kilometer. 80 Minuten haben wir für diese 10 Kilometer benötigt, inklusive Panne.

Nach 40 Kilometern erreichen wir den Nord-Ostsee-Kanal. Endlich einfach mal rollen und versuchen die Knie zu entspannen. Die schmerzen mittlerweile doch recht intensiv – zeitweise konnte ich gar nicht mehr im Stehen fahren. Hier rächt sich meine ungeeignete Übersetzung für höhenmeterreiche Langstreckenfahrten. Aber auch der Kanal hat eine mentale Herausforderung für uns parat: Es geht nämlich 23 Kilometer wieder nach Osten – Richtung Kiel. Abbiegen tuen wir erst an der Kanalfähre Landwehr – hier ist der zweite offizielle Fotospot, wo die Veranstalter sich eine Fotografie von uns erbeten haben.

Jetzt geht alles ganz schnell. Für mich. Bereits in diesem endlos Forst musste ich meine Scheibenbremsen nachjustieren, das sie nicht mehr richtig fassten. 10 Kilometer hinter der Fähre muss ich, anstatt scharf rechts abzubiegen, geradeaus weiterrollen und komme erst nach etlichen Metern zum stehen. Dabei wird mir schmerzlich klar, dass dies mein Ende ist. Ohne Bremsen die letzten 180 Kilometer zu fahren wäre absolut unverantwortlich.

Josh und ich umarmen uns. Und ich wünsche ihm eine gute Weiterfahrt – er mir ein gutes Heimkommen. Das geht dann erschreckend schnell. Wir sind bis Felde gekommen. Hier bin ich in nicht einmal 10 Minuten am Bahnhof, wo direkt die Sonne herauskommt als ich mein Fahrrad parke. Danke Ironie! Ins Gesicht…

Der Zug bringt mich 15 Minuten später nach Rendsburg, wo ich mir ein alkoholfreies Bier und eine Wochenzeitung (werde ich dann eh nicht lesen) kaufe. Kurz darauf sitze ich im RE nach Hamburg. Im Kinderabteil. Nur mit Ohropax ertrage ich hier den Geräuschpegel. Auch darauf in der S-Bahn sind die Menschen mir viel zu laut und sowieso. Ich komme gerade aus dem Wald, aus der ruhigen und etwas öden Mitte Schleswig-Holsteins und sitze so unvermittelt im Trubel der Großstadt – da komme ich einfach nicht hinterher.

Danken möchte ich erstmal Bernd und seinem Team für diesen tollen Track – für das Auskundschaften und die ganze Orga! Dann allen lieben Menschen, die unsere Dots verfolgt haben und liebe Nachrichten und Anfeuerungen geschickt haben! Allen Holygravellern für die netten Gespräche während des Pedalierens und dann natürlich meinem Duo Partner für 400 gemeinsame Kilometer!

Alles in Allem eine tolle Erfahrung. Und es stimmt mich positiv zu sehen, dass ich in diesem Jahr viel an Erfahrung gewonnen habe und ziemich gut vorbereitet war. Nächstes Mal ein paar mehr Ersatzteile und eine warme Wechseljacke für die Pausen! Die nächsten Touren schwirren schon durch meinen Fahrradkeller!

Holy Gravel – Der zweite Tag

Tag 1 noch nicht gelesen? Dann hier entlang!

Nach einer etwas unentspannten Nacht klingelte der Wecker um 6 Uhr. Josh kam herübergetapert und wir stimmten uns kurz ab: „Mach ganz entspannt – dann gucken wir nach Olaf“. So packte ich meinen warmen Daunenschlafsack und den Biwacksack ein, rollte die Luftmatte zusammen und verstaute alles in meinen Ortlieb Gravel-Packs (Die quietschen leider recht stark bei rütteligen Passagen, aber das Ein- und Auspackprozedere ist mit ihnen super easy).
Olaf lag da noch eingemummelt in seinem deluxe Biwack. Deshalb machten wir uns als Duo – so sollte es dann auch bis zu meinem Ausstieg (Tag 3) bleiben – auf den Weg zum ersten Tagesziel: Der Mole von Puttgarden. Die Strecke dort hin war teilweise technisch anspruchsvoll (einmal stürzte ich sogar leicht, aber nix passiert), aber der Rückenwind tat mal so richtig gut. Vor allem eine „berg“ab-Passage war uns eine Freude. Auf der Mole wurde ich dann in die hohe Kunst der Fahrrad-Fotografie eingewiesen „Immer die Tretlagerseite des Fahrrads nach vorne fürs Foto!“

Die nächsten 25 Kilometer waren dann feiner Gravel auf dem „Regionaldeich“, oder ganz schlecht rollender Grasuntergrund und gar eine Dünenpassage, die eher an BMX fahren erinnerte, geprägt. Der sehr starke Gegenwind lies das Verlassen von Fehmarn so gar nicht schwer fallen. Kurz vor der Brücke scherzten wir noch, dass es lustig wäre, wenn wir andere HolyGravellers auf der Brücke träfen. Es waren dann gleich drei! Erst plauschten wir kurz mit Carola und Ole. Hinter dem letzten Brückenpfeiler „schwärmten“ wir dann Emma vom Wind auf der Insel vor.

Nach 70 Kilometer waren wir dann wieder dort, wo wir tags zuvor auch schon einkehrten: Aral-Tankstelle in Großenbrode. Hier fanden wir dann auch den Michael, mit dem wir auf dem Campingplatz genächtigt hatten – er brauchte aber etwas weniger Schlaf als wir.

Josh in SEINER Tanke

Nun geht es nach Osten. Das nächste Ziel ist meine Heimatstadt Kiel. Zunächst geht es dafür durch Heiligenhafen und Weißenhäuser Strand. So „Kurorte“ halt. Bei der Durchfahrt von Oldenburg werden wir den letzten HolyGraveller für den Rest meiner Tour sehen. Im nächsten Ort, Lütjenburg, schickt uns der Track weg vom gut rollenden Landstraßen-Radweg, bergauf zum Marktplatz und dann beim Ortsausgang wieder auf den Radweg. Solche Schleifen sind immer wieder eine der großen mentalen Herausforderungen dieser Tour. So richtig lange können wir das Dahinrollen jedoch nicht genießen. Denn es geht rechts ab auf einen Grasweg (Geschwindigkeit also gleich 0) und dann hinauf auf den Stretzerberg, den wir zwischenzeitlich hinaufschieben müssen. Hinab müssen wir verbotenes tun, um dem Track weiter folgen zu können. Eigentlich ist der nächste Wald-Abschnitt gesperrt. Aber Verbote übersieht man auf dieser Tour geflissentlich – man macht ja nicht wirklich was kaputt und vermeidet es eh tunlichst!

Durch verschlungene Wege geht es weiter. Bei einer super schönen schnellen Berbabpassage übertreibe ich es ein wenig und hole mir einen Durchschlag im Vorderreifen. Also Ersatzschlauch einspannen und pumpen.

Nach 140 Kilometern erreichen wir bei einsetzendem Nieselregen den Dobersdorfer See. Somit betreten wir mir sehr gut bekanntes Terrain. In dieser Region bin ich aufgewachsen. In dem See waren wir oft baden, auf dem Campingplatz waren wir mal für ein Wochenende. Dann rasen wir den Lustbarg hinunter (War damals meine 10k-Laufrunde, mit 15/16 oder so), dann quasi am Haus vorbei hinunter an die Schwentine, wo ich paddeln gelernt habe – auf DER weißen Brücke muss Josh ein Foto von mir machen. Um jetzt in die Kieler Innenstadt zu gelangen, brauchen wir kein Navi mehr. Dort kommen wir nach insgesamt 405 Kilomern bei einem Café an. Aufwärmen und die nächsten Optionen checken ist angesagt. Mittlerweile hat es sich gut eingeregnet.

#weissebrücke

Wir bestellen erstmal Kaffee, Muffin und Suppe – laden unsere elektronischen Geräte – versuchen unsere Sachen zum Trocknen auszubreiten.
Schon auf den Kilometern vor Kiel begannen die Diskussionen über den weiteren Plan. Bestimmender Faktor dabei war der angesagte Regen – viel Regen – für lange Zeit. Nachdem unsere Recherche ergeben hatte, dass in Eckernförde noch bis spät Züge nach Hamburg fahren würden, entschieden wir uns für das Weiterfahren. Komplett in Regenmontur eingehüllt ging es weiter. Leider war die Pause nicht lang genug für meine Frontlampe – sie zeigte sofort wieder einen niedrigen Ladestatus an, sodass Josh die meiste Zeit den Weg nach Eckernförde ausleuchten sollte… Der Nabendynamo ist bereits bestellt!

Nachdem wir nach einer erneuten frustrierenden Route die Holtenauer Hochbrücke überquert hatten, ging es durch dunkle laubbedeckte Waldpassagen nach Schilksee – dann weiter zum Leuchtturm Bülk.

Holtenauer Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal

Zwei Stunden später rollten wir am Ortschild von Eckernförde vorbei. In dieser Zeit regnete es durchgängig, wir bekamen Hunger und wichen das erste Mal absichtlich vom Track (5 Kilometer) ab. Hier in der Ostseestadt lag das zweite große Ziel von meinem Parnter in Crime: Der McDonalds direkt am Track. Dieser hatte leider keine Steckdosen für uns und auch die Heizung war wohl aus. Die abfälligen Blicke mancher Gäste ware da auch schon egal. Irgendwann wurde ich ziemlich unruhig und wollte weiter. Josh, in seiner warmen Puffer-Jacke, war aber noch ganz entspannt. Dieses Utensil viel mir schon bei vielen beim Start auf. Eine Jacke für die Off-Bike-Zeit. Ich wusste sofort, dass ich sowas auch hätte einpacken sollen – notiert fürs nächste Mal!

Das „Essen“ hatte uns so weit motiviert doch noch nicht in den Zug zu steigen. Es hatte aufgehört zu regnen und am nächsten Tag sollte es zwar regnen aber deutlich wärmer werden. Also checkten wir mit google und openstreetmap die Umgebung nach möglichen Schlafspots ab – mehrere Alternativen taten sich da auf.

Füße hoch auf der Mecces Couch

Zunächst versuchten wir es bei einer dänischen Schule. Dort fanden wir aber nur eine absolute Notlösung: Einen hellbeleuchteten Fahrradunterstand. Nebenan war ein Sportplatz eines dänischen Fußballvereins. Deren Wurstverkaufsbude sah ganz gut aus. Zur Sicherheit schauten wir noch etwas weiter. Aber an die Wurstbude kam nichts heran.

Also Fahrräder nach 207 Tageskilometern (Insgesamt 457k) abstellen und Nachtlager einrichten.

HolyGravel 2019 – Tag 1

Nach dem HanseGravel im Frühjahr wollte ich das Bikepacking-Jahr gebührend abschließen, sodass ich mich frühzeitig bei dem neu ausgerufenen HolyGravel anmeldete. Bei diesem privat organisierten Event bestand die Auswahl zwischen einer 555 kilometer oder einer 696 kilometer-Runde durch halb Schleswig-Holstein. Mein Ehrgeiz plädierte dann für die lange Runde, die eine Umrundung von Fehmarn vorsah.

Im Vorfeld besorgte ich mir dann noch eine etwas voluminösere Rahmentasche, sodass mein Lenker weniger Geraffel zu tragen hatte. Hätte mal lieber in vernünftigeres Licht investieren sollen. Dazu aber dann bei Tag 2…

Start war am 31. Oktober 2019 um 7.30 Uhr am Ponton-Café Entenwerder1 in Hamburg – dort startete auch der HanseGravel! Für die Anreise benutzte ich dann dekadent die S-Bahn (wurde sogar kontrolliert). Die lieben Organisatoren schenkten einen kleinen Schnaps aus und sprachen 2-3 wärmende Worte zu uns. Dann ging es auf die Strecke.

Ohne Begleitung rollte ich auf den Ausschläger Deich und Richtung Osten. Hinter dem Gefängnis sprach mich dann eine Radlerin an, die Norwegen-Überschuhe trug: „Ist das schön hier“. Und wie! Minus 4 Grad, die Sonne geht auf, alles ist in Nebel gehüllt – was für eine tolle Stimmung. Ich konnte nicht an mich halten und musste ihr unter die Nase reiben, dass dies meine tägliche Pendelstrecke sei…

Weiter ging es mit hohem Tempo durch Bergedorf. In Reinbek nutzte ich dann ein Pinkelpause um endlich abreißen zu lassen – das Tempo war viel zu hoch für mich. Allein rollte ich durch Aumühle und ab da kannte ich die Umgebung nicht mehr wirklich. Irgendwo durch den Sachsenwald ging es an sehr schönen Seen irgendwie nach Mölln. In der Zwischenzeit hatte ich mich an dem Hinterrad der Gravelerin mit den Norwegenschuhen geklemmt. „Weißt du wie der See hier hieß?“ – „Nein, ich auch nicht“ – „aber super schön hier“. (Anm. d. Redaktion: Drüsener und Lüttauer See)

Nach fast 100 Kilometern erreichten wir Ratzeburg. Bei herrlichstem Sonnenschein gab es eine erste Pause. In meinen Gedanken feierte ich mich für meine Vorraussicht beim morgendlichen Warten auf die S-Bahn Laugengebäck-Verpflegung eingekauft zu haben. Hier am Küchensee gesellte sich ein junger und sehr holyresker Graveller zu uns, der soeben seinen ersten Platten hatte. Schickes, sportliches Trek-Bike und fröhliche Ausstrahlung!
Nach einem Blick auf den Tracker wurde uns klar, dass wir ziemlich weit vorne im Feld waren. Bei dem Tempo das die NorwegenÜberschuhDame anschlug aber auch kein Wunder. Jetzt nach vielen gemeinsamen Kilometern stellten sie sich vor: „Hey, ich bin Britta – wie heißt du?“ Über ihr Radel-Leben wusste ich zu diesem Zeitpunkt schon weitaus mehr – Namen? Nicht so wichtig.

Beim Verlassen von Ratzeburg stand auf einmal Harald vor uns, der den soeben gestürzten Benny ausgesammelt hatte (Gute Besserung an dieser Stelle). Ganz Harald hatte er sein Ding gemacht und hier und da vielleicht den ein oder anderen See ausgelassen – der Fux <3

Am Ratzeburger See entlang – erkannte ich meinen liebsten Papa, der meinen Dot verfolgt hatte und mir entgegen gefahren war. Was für eine coole Aktion – insgeheim war ich auch etwas froh mein Duo ziehen lassen zu können – das Tempo war wirklich fix. Nach ein paar schönen Vater-Sohn-Kilometern ließ er mich wieder ziehen – er spürte wohl, dass ich gerade auf meiner eigenen Welle pedalierte. So holte ich das Duo kurz vor Lübeck wieder ein – der schnelle Junge hatte seinen zweiten Platten…

Nach einer kurzen Pause in Lübeck (natürlich in einer Tanke. Hatte ich meinen bestellten Kaffee einfach nur nicht bekommen oder gar nicht bestellt? Beim Losrollen war ich mir da gar nicht mehr sicher – naja – egal) ging es in endlosen Schleifen, hoch und runter, Richtung Norden. Zwischenzeitlich wurde es ganze 10 Grad warm und man konnte mal eine Schicht ablegen. Doch um 17 Uhr ging die Sonne schon unter – noch schnell ein schönes Foto am Pönitzer See und weiter ging es. Abendbrot gab es im McDonalds in Neustadt i.H. – ein Spot, den viele angefahren haben: Strom, Wärme und Essen. Macht es nicht gaaanz so schlimm konsum- und fleischkritische Stimmen in meinem Kopf verstummen zu lassen.
Hier trennten sich dann die Wege von Britta – sie plante die kurze aber wohl landschaftlich schönere Runde. Sehr schade – sie war mir mit ihrer fröhlichen Art ans Herz gewachsen.

Dennoch ging es jetzt zu Dritt am Wasser weiter. Inzwischen hatte ich Britta gefragt wie der schnelle Graveler heißt: „Josh“. Und Olaf schloss sich uns an – Ein Braunschweiger, der an der Uni arbeitet, wo ich studiert habe – Road Magic!
Die Ostsee begrüßte uns mit unheimlich warmen Temperaturen. Das Thermometer kletterte auf 5 Grad und lies unsere Stimmung ins euphorische gleiten. Wir rauschten über mit viel Geld gestaltete Promenaden und über leere Küstenpfade – was für ein Spaß! Nur ein riesiger Acker ließ uns fast verzweifeln (Hätten wir mal umfahren sollen).

Nach 225 Kilometern erreichten wir dann DAS Tagesziel von Josh kurz vor Ladenschluss: Die Aral-Tankstelle in Großenbrode. Der Tankwart zwitscherte uns fröhlich über seine Fahrräder zu, wir hörten kaum zu, genossen nur die Wärme und das Essen. Vorrausschauend kauften wir auch schon was für das Frühstück ein – nach meinen Recherchen würden wir auf der Insel nichts Essbares kaufen können.

In kompletter Dunkelheit unter einem tollen Sternenhimmel rollten wir über den Kleiderbügel auf die Insel. Dort hatten wir uns mit einem vierten Bikepacker auf einem eingemotteten Campingplatz verabredet. Nach 240 Kilometern legten wir uns windgeschützt in den Hauseingang des Sanitärhauses. Die Nacht war mit 7 Grad warm aber mein Schlaf nur so mittelgut – das lag nicht unbedingt an den Radlern, die nachts um 2 Uhr an uns vorbeikamen – sondern vielmehr an den müdegeradelten Beinen und an der ungewohnten Schlafsituation… Macht man dann doch nicht jeden Tag. Gefühlt schaute ich alle zwei Stunden auf die Uhr – noch nicht 6 Uhr.

weiter zu Tag 2

Pellworm 100

Pellworm stand schon etwas länger auf der Bucket List nachdem wir Ostern dann doch die Fähre nach Amrum genommen haben. Da traf es sich sehr gut, dass die Critical Rider Association ein Rundstrecken-Event verkündete. Vier Runden. Pro Runde einen Stempel. Insgesamt 100 Kilometer.

Hansegravel // Tag 3

Morgens um 6 Uhr tragen wir unsere bepackten Räder aus der Pension. In Regenklamotten rollen wir zum Bäcker. Dort gibt es Kaffee und Nussecken – während wir uns die Samstagsfrühaufsteher*innen anschauen.

Gut gestärkt geht es dann entlang der Ryk nach Wiek. Letzten Sommer bin ich hier noch mit Tringa entlanggeschippert. Gleich mehrmals mussten wir (aufgrund eines gerissenen Segels) durch die hübsche manuell zu öffnende Klappbrücke in Wiek. Ab der Klappbrücke, die wir leider nicht überfahren müssen, geht es dann ohne Regen an der Klosterruine Eldena auf Asphalt weiter.

Nach zwei Stunden erreichen wir Wollgast. Auch hier waren wir mit Tringa im letzjährigen Segelsommer. Hier kann ich Aaron von einer unschönen Begegnung mit einem Kriegsschiff, dass dort für Saudis auf Probefahrt durch die blaue Klappenbrücke rauschte… Jetzt wurden wir etwas versöhnt – eine ältere Dame wünschte uns etwas perplex „noch einen schönen Urlaub“.

Auf Usedom wurde es mir deutlich zu kalt. Die Regensachen sind mittlerweile weggepackt, aber die Beinline müssen nun an die Beine. Es windet recht ordentlich und es ist grau grau grau.

Am 50. Tageskilometer erreichen wir die offene Ostsee. Nun geht es lange lange gerade aus. Was wir vorher nicht wussten: Usedom ist ziemlich hügelig. Und es ist ein großes Wanderevent im Gange. Knapp 400 Teilnehmende wandern insgesamt 50 Kilometer auf der Insel – und so ziemlich alle müssen wir überholen. Mit freundlichem Rufen versuchen wir möglichst Kollisionsarm zu überholen.

In Ahlbeck (80 Kilometer) geht es dann ins Binnenland der Insel. Hier warten nochmal richtige Steigungen auf uns. Ziemlich einsam kurbeln wir uns hoch und rauschen durch Laubwald (immerhin Asphalt) wieder hinunter. Erst als wir die Stadt Usedom auf der gleichnamigen Insel erreichen erblicken wir die ersten Hansegravelers des Tages.

Nachdem wir uns entlang des Boddens geruckelt haben, treffen wir den Münsteraner und seinen Gespannpartner (ein sehr schönes schwarzes Sofa Rad) wieder. Die beiden kommen wie gerufen, motivieren sie uns doch nach nun guten 100 Kilometern wieder ordentlich in die Pedale zu treten, sodass wir gemeinsam die Hansestadt Anklam erreichen.

In Anklam werden wir von einem gut gefüllten Marktplatz empfangen. Immer mehr polnische Radgruppen erreichen den Marktplatz. Das Problem dabei für uns: Sie kapern den kleinen Italiener, den wir uns eigentlich für unsere Kalorienaufnahme ausgeguckt hatten. Die Besitzer reagieren auf den Anstrum so dermaßen unfreundlich, dass wir lieber Pommes zwei Straßen weiter essen.

Hier kommt ein uns gut bekannter Hansegravelers in den Imbiss: Der Regen-Graveler. Nachdem wir die megasüße Fanta ausgetrunken haben, folgen wir ihm aus Anklam heraus. Hier geht es durch superplattes Land auf löchrigen Plattenwegen. Links und rechts ist immer mal wieder Weide, Wasser und Bäumchen – auch Vögel gibt es einiges zu beobachten.

Ueckermünde erreichen wir nach 170 Kilometern. Unser Münster-Gespann grüßen wir freundlich und halten dann nach wenigen Metern bei einem Fischbrötchenkutter. Jugendliche Drum&Bass Tanzende versüßen uns das dieses Mahl, welches uns nochmal richtig Energie gab! Nun rauschten wir über viel Asphalt Richtung polnische Grenze. Diese Ecke scheint bei Radurlaubern sehr beliebt zu sein. Viele Bett&Bike Angebote, sowie sehr guter asphaltierter Bodenbelag.

Nach dem einzigen Platten dieser Tour ging es dann durch Blankensee mit dem Münsteraner und seinem Kumpel. Kurz dahinter erreichten wir gemeinsam bei untergehender Sonne die deutschpolnische Grenze. Wir machten gegenseitig die obligatorischen Fotos und rollten dann zu zweit durchs dunkle Polen. Frank und Ollie (endlich hatten wir mal Namen ausgetauscht) wollten auf deutscher Seite einen Campingplatz aufsuchen.

Erst noch auf Autostraßen, später dann durch einen Park, radelten wir nach Stettin hinein. Nach dem Umkurven einer Großbaustelle erreichten wir die Innenstadt. Hier erkannte ich gleich ein paar Dinge aus meiner Riga-Tour (alleine von Braunschweig bis Riga vor ein paar Jahren) wieder.

Nach 235 Kilometern umarmten Aaron und ich uns herzlich. Dann schoben wir unsere Räder in die Lobby des Novohotels. Hier setzten wir uns zu zwei Hansegravelern, die ziemlich viel zu erzählen hatten. Wir waren deutlich überfordert mit allem. Mit dem erreichen des Ziels, mit der Umgebung und mit den beiden lustigen und mitteilungsfreudigen Hansegravellern. Erst mit einem Burger und einem kleinen Zielbier tauten wir auf – konnten bei den Gesprächen mithalten.

Schon vorher diskutierten wir ob wir im Hotel bleiben wollten oder doch lieber draußen schlafen wollten. Da wir immerhin so viel Kram füs Übernachten mitgeschleppt hatten und es ja aber erst einmal benutzt hatten, einigten wir uns darauf uns doch nochmal auf das Rad zu setzen.

Also kurbelten wir über leere und recht dunkle Straßen sowie Radwege, die mal sehr gut ausgebaut waren und manchmal abrupt endeten. Nach 17:30 Stunden verließen wir dann Polen wieder. Einen hübschen Berg hinunter zur Oder und dann entlang eines Radweges nach Gartz (Oder). Dort halten wir die Augen offen nach einer ansprechenden Übernachtungsmöglichkeit. Wir fahren mittlerweile sehr langsam und uns wird dadurch recht kalt. Ich durchsuche meine Kartenapps und finde einen Aussichtsturm, der in Betracht kommt. Er liegt am Ortsausgang und ist somit unsere „letzte Chance“.

Nach 268 Kilometern fast ununterbrochen im Sattel erreichen wir einen zweistöckigen Kranich-Aussichtsturm. Schnell bauen wir unser Nachtlager und sind ziemlich schnell eingeschlafen.

Hansegravel // Tag 2

Hier nochmal Tag 1

Das war also meine erste Nacht unter freiem Himmel. Jemals. Und sie war extrem warm für die Jahreszeit. Mein extra neu angeschaffter Daunenschlafsack war viel zu warm und gefühlt habe ich gar nicht geschlafen – lag gefühlt hellwach am Staussee und der feine Sand an den Beinen tat sein übriges das erholsame Schlafen zu verhindern. Hätte ich im Dönerladen mal nicht nur meine Arme, sondern auch meine Beine vom Sand des ersten Tages entfernt.

Nach einem leckeren Kaffee von Aaron ging es wieder auf den Hansegravel-Track. Der verlief Richtung Rostock genauso weiter wie er am Vortrag war: holprig, sandig und viele kleine Wellen im Höhenprofil. Den Bäcker nach 15 Kilometern ließen wir noch läßig links liegen. Der Dorfkonsum nach 40 Kilometern war dann leider leider geschlossen. Also durchhalten bis zur dritten Hansestadt der Tour – Rostock.

Die Route führte entlang des Zoos und dann kam ein kleiner Supermarkt mit integriertem Bäcker. „Das komplette Frühstücksbuffet – 2 mal, bitte“ oder so ungefähr. Auf unsere Räder passten derweil der Münsteraner und sein Gespannpartner auf. Langsam sammelten sich immer mehr Graveler bei diesem Supermarkt. Kurzer Schnack, Sonnencreme auflegen und weiter durch die Stadt. Der Track führte zum Beispiel direkt durch den Hauptbahnhof. Verrückt.

Hinaus ging es entlang einer ewig breiten Ein- bzw Ausfallstraße, die uns super Asphalt beschwerte. Natürlich bogen wir nach nur wenigen Kilometern wieder auf einen Feldweg! Irgendwann ist das Frühstück dann auch aufgebraucht und wir entern eine Pizzaria auf dem Marktplatz von Ribnitz-Dammgarten.

Langsam zog der Himmel immer mehr zu und es grummelte aus dem Himmel immer mal wieder. Aber die Gewitterzelle zog ziemlich direkt an uns vorbei.
Spaß bereitete uns da noch der Hinweis eines Dorfbewohners, das es in dieser Richtung nur in den Wald gehen würde. Na Mensch – dann sind wir ja richtig.

Eine interessante Begegnung hatten wir dann noch mit einem Jeep-Fahrer. Sein recht nahes Überholmanöver quittierten wir mit ein bisschen Armgymnastik. Er hält an und erkundigt ob er uns erschreckt hätte – dass wollte er ja nicht – tue ihm leid. Nur ums dann direkt danach mit unvermindertem Abstand zu überholen. Wahrscheinlich waren wir nach denn hunderten Gravelkilometern einfach keine Autos mehr gewohnt.

Nach mehreren Kilometern erwischte uns dann die nächste Gewitterfront. Eine Autofahrerin setzte gar zurück um uns darauf hinweisen, dass wir uns wohl mal beser unterstellen sollten. Also kurze Kaffeepause. Nichts passiert. Wir rollen los und nach nur wenigen Metern fängt es an zu Regnen. Aber so richtig! Ein dick eingepackter Hansegraveler rollt fröhlich an uns vorbei. Das motiviert ebenfalls unsere Regensachen anzuziehen. So rollen wir durch den Regen. Nur scheint der Regengraveler besseres Equipment zu haben. Unsere Schuhe sind irgendwann so dermaßen nass.

Den Rest gibt uns dann das Gespräch mit dem Duo vom morgigen Frühstück. Die beiden haben den Regen bei leckerem und trockenem Abendessen abgewettert. Ach ja – essen müssen wir auch noch. Stralsund wird da sicher was haben. Doch so vertieft im Gespräch mit den beiden merken wir erst gar nicht wie wir wieder aus der Hansestadt herausfahren. Der Track geht nämlich gar nicht bis zur Stadtmitte. So ergreifen wir die Chance auf einen Griechen an der Bundesstraße. Für die Gäste müssen wir ausgesehen haben wie Außerirdische. In grellen Regensachen, engen Fahrradsachen – trief nass und überall Sand.

Wir nutzen die Pause um unsere elektrischen Geräte zu laden und um das heimische Reisebüro „Reisen mit Tracy“ in Anspruch zu nehmen. Sie recherchiert die Übernachtungsmöglichkeiten in Greifswald. Wir bestellen uns derweil noch eine zusätzliche Cola und steigen wieder auf die Räder.

Mittlerweile ist es trocken und ein angenehmer Rückenwind schiebt uns über die denkmalgeschützte Kopfsteinpflasterstraße bis nach Greifswald. Mir war sie von einer Tour mit Tracy schon bekannt – Schrecken konnte sie mich also nicht. Und auch Aaron verliebte sich ziemlich in dieses smoothe Ruckeln – waren wir doch schon ganz anderes gewohnt.

In der vierten Hansestadt steuerten wir direkt die Pension an und dort auch direkt die warme Dusche. Nachdem dann alle Sachen auf die Heizungen verteilt war, lagen wir auch schon im Bett. Ein richtiges warmes Bett.

Weiter mit Tag 3:

Hansegravel // Tag 1

Nach einer kurzen Nacht (da zu aufgeregt um wirklich erholsam zu ruhen) ging es für Aaron und mich zum Bergedorfer Bahnhof. Dort wurden wir von der wunderbaren Gesine aufgegabelt, die uns zum Start im Entenwerder Park geleiten sollte.

Treffpunkt war der Café-Ponton Entenwerder 1. Die gesamte Landungsbrücke war mit bikepackingmäßig ausgestattete Fahrräder beparkt. Taschen in allen nur erdenklichen Winkeln der Rahmen. Nach einem Kaffee und dem Erhalt der Bikecap entschieden wir uns schon vor dem offiziellen Start aufzubrechen. Diesen Gedanken hatten auch noch andere, sodass wir die komplette Strecke entlang der Alster in Begleitung von weiteren Mitstreiter*innen waren und man immer einen netten Schnack halten konnte. Bald schon überholten uns die ersten 10Uhr-Starter mit einem Affenzahn. #wusch

Bei bestem Wetter schlängelten wir uns durch Bad Oldesloe und pedalierten nun entlang der Trave Richtung erster Hansestadt: Lübeck.
Dort trafen wir nach 80 Kilometern meinen Vater auf eine Pizza und Cola. Auch unsere Trinkflaschen konnten wir hier auffüllen, denn es war ordentlich heiß geworden über den Tag („Nein Danke. Kein Mineralwasser – Leitungswasser reicht voll und ganz. Nein wirklich nicht :)“)

Danach ging es weiter nach Norden entlang der Trave und durch Vorrgärten zum Herrentunnel. Kurzes Warten und die 5 Minuten mit dem kostenlosen Shuttle Bus durch dieses Ungetüm für Autofahrer. Deutsche Radinfratrustur und so…

Danach stand der nächste Transfer aus. Diesmal auf der Wasseroberfläche – mit der Fähre hinüber zum Priwall. An die Dame im Schrebergarten: Das fühlte sich für uns wirklich wie Schrittgeschwindigkeit an. Der Schotter ließ eigentlich gar nicht viel anderes zu.

Nun verließen wir Schleswig-Holstein. Alles so gut so weit. Super Wetter, gute Stimmung, gute Verpflegung. Nun Mecklenburg-Vorpommern. Auch super Wetter. Nur die Streckenbedingungen sollten uns nun doch ziemlich überraschen. Waren es vorher Wirtschaftswege mit Schotter und Schlaglöchern gewesen – kam nun Sand hinzu. Viel Sand. Wir waren nun schon 8 Stunden unterwegs und gute 120 Kilometer in den Beinen – der Sand zog uns nochmal so richtig viel Energie. Sinnbildlich war das zur Saat vorbereitete Feld vor dem wir auf einmal standen: Nur Sand, kaum eine feste Stelle, wo der Reifen mal wirklich Widerstand fand.
Aber wie das so ist: Begibt man sich ins Ungewisse – es geschehen auch die unglaublich guten Dinge: Wir fragen bei einem Sportplatzwart nach Wasser: Er bietet uns sogleich Bier und eine Dusche an. Nein, eigentlich wollen wir nur kaltes klares Wasser in unseren Flaschen. Ja, eine Dusche wäre klasse – wir sind bedeckt von Sand und Staub – er ist wirklich überall. Aber wir wollen noch mindestens 50 Kilometer fahren und eine Dusche dann eher kontraproduktiv.

Mittlerweile werden die Überholungen weniger und man trifft eher Teilnehmer, die auch unser Tempo fahren. Einen netten Münsteraner zum Beispiel. Mit ihm fahren wir nach 170 Kilometer in der zweiten Hansestadt des Tages – Wismar – ein. Für Aaron und mich gibt es erstmal einen Döner. Wir haben nicht kontinuierlich genug gegessen seit Lübeck und sind ziemlich hungrig. Der Besitzer ist super zuvorkommend und besteht darauf, dass wir sein gefiltertes Wasser in unsere Trinkflaschen füllen. Als wir Wismar in der Abenddämmerung verlassen, treffen wir Christian. Ich kenne ihn schon ziemlich lange von Strava. Er pendelt auch mit dem Rad zur Arbeit. Das aber immer unglaublich früh und endlich habe ich die Möglichkeit ihn nach seinem Job zu fragen. Wozu so ein Event alles gut sein kann! Im Dunkeln geht es dann nochmal durch richtig sandige Abschnitte und Wälder wo umgestürzte Bäume das Klettern erfordern.
Nach 185 Kilometern verabschieden wir uns von Christian – er will noch bis Rostock durchfahren… – und suchen uns an einem kleinen See unser Nachtlager.

Wir legen uns einfach auf die Wiese am Wasser. Rettungsdecke unter meine Luftmatte, Inlay in meinen neuen Schlafsack, den wiederum in den Biwacksack.
Ich merke schnell wieso die von Globetrotter ein Inlay für Schlafsäche empfehlen. Meine dreckigen Beine würden ein sofortiges Waschen unumgänglich machen. Der Sand auf meinen Beinen wirkt zudem noch wie Schleifpapier, was nun wirklich keine erholsamen Einschlaf-Bedingungen sind. Zudem ist es eine sehr warme Nacht – in meinem neuen Schlafsack schwitze ich sehr. Gefühlt bin ich ständig wach – aber auch so richtig wach – nehme meine Umwelt glasklar war. Die Enten in unserer Nähe und die Sterne am Himmel da oben. Spannend was draußen Schlafen alles mit einem macht.

Etappe 1
187 Kilometer
19,4 km/h
Netto-Fahrtzeit: 9:40h
Brotto-Zeit: 12:40h
950 Höhenmeter

HanseGravel // Vorbereitung

Seit längerem wollten Aaron und ich mal eine längere Distanz gemeinsam fahren. Die Bekanntgabe des Hansegravel-Events kam da wie gerufen. Es ist kein Rennen. Es lediglich ein ausgekundschafteter Track bereitgestellt. Dieser ist circa 600 Kilometer lang und geht vonHamburg nach Stettin. Unterwegs klappert man die auf dem Weg liegenden Hansestädte ab.

Nach meinem Test in Dänemark habe ich nochmal in meinen Schlafkomfort investiert – Liner und Biwacksack – und für den MeckPomm-Sand die breitesten Reifen, die in meinen Rahmen passen, besorgt. Beides natürlich mit dem Rat vom Harald! Dann noch ein ausführliches Telefonat nach Dresden mit Aaron um die Packliste abzusprechen. Er bringt die Kaffeemaschine mit, ich den Kaffee.

Start ist am 25. April um 10 Uhr ab Entenwerder. Ihr könnt uns bei Spotwalla verfolgen. Wir sind die Nummer 42.

Dänemark-Runde

Mit dem lieben Aaron habe ich mich für den HanseGravel angemeldet. Über 600 km von Hamburg nach Stettin, wo man unterwegs alle Hansestädte an der Ostseeküste abklappert. Wird das erste Event für mich dieser Art. Das soll natürlich gut vorbereitet sein, da wir so 3 Tage anpeilen und draußen schlafen wollen.

Bei den letzten Dänemark-Besuchen – mit Zug oder Segelboot – vermehrte sich der Wunsch bei mir, diese sanfte Hügellandschaft mal mit dem Rad zu besuchen. Warum dies also nicht als HanseGravel-Vorbereitung nutzen. Die Hohe Shelter-Dichte würde die ideale Draußenschlafen-Übung sein.

Vorbereitung

Nachdem ich mir zwei Tage „Zeugnisferien“ gegönnt habe – Erstmal einen Track bei Komoot erstellen. Das bringt mir wirklich fast so viel Spaß wie das Fahrradfahren an sich. Hierbei war mir Harald, eines meiner Bikepacking-Vorbilder, eine große Hilfe!

Um zu schauen was man so einpacken sollte, schaute ich mir ziemlich oft Svenja Blog an. Sie hat eine sehr gute Übersicht über die Dinge, welche man so benötigt für solch ein Micro-Adventure.

Tag 1

Start von Tracy aus. Dieser Stadtverkehr ist für mich als Dorfkind wirklich ungewohnt. Mein 30k-Arbeitsweg ist zum Großteil Autofrei und auch die Wege sind von ziemlich guter Qualität. Nicht so meine Route aus Hamburg heraus. So gönnte ich mir in Fuhlsbüttel erstmal ein Frühstück im Supermarkt-Bäcker. Danach ging es im gemütlichen Tempo und feinstem grauen Hansestadtwetter aus Hamburg raus. Richtung Bad Segeberg. Nun bestätigte sich Haralds Hinweis, mein Track führe ja sehr viel auf Radwegen an Land- und Bundesstraßen. Er schob aber sogleich hinterher „Mach dir keinen Kopf und Fahr!“. Dieses Mantra schoss mir bei jedem LKW durch den Kopf. Deren Schallwellen drückten mich beim ersten Platten (nach 40k) fast an die Bushaltestellenwand. Kurzer netter Schnack mit der rauchenden AufDenBusWartende. Dies lenkte mich wohl etwas ab, sodass ich eine blöde Unwucht im Hinterrad ließ. Also einen ruhigen! Ort für die Reparatur suchen. Vor einer kleinen netten Kirche ziehe ich das glatt. Kurzer Besuch dieser und angenehmes Gespräch mit der Pastorin. Ihr pastoraler Ton beschert mir noch für die nächsten Kilometer ein seeliges Lächeln ins Gesicht.

Das Lächeln brauche ich beim nächsten Platten auf (50k). Nun habe ich keinen Ersatzschlauch mehr, sodass ich mich auf einen Gulli setze und erstmal brav flicke. Ausgekühlt geht es weiter. Durch Bad Segeberg. Hier erinnert mich das örtliche Möbelhaus an meine Ausbildung, wo ich die Teppichabteilung mit einer Alarmanlage sicherte.

Als ich den Fehmarn-Kleiderbügel erreiche, wird die Stellung des Radverkehrs in Deutschland so richtig bewusst. Auf einem ca 40-50cm breiten Wirtschaftsweg geht es hinauf zur Brücke. Das Wetter entschädigt. Zum ersten Mal kommt die Sonne raus. Nun geht es über Fehmarn zur Fähre (157k). Nach einem netten Plausch mit dem Ticket-Menschen, geht es von Lane 1 auf die Fähre. Ich darf mein Rad hinter die LKWs legen. Nix mit Fahrradabstellmöglichkeit…

Auf der Fähre suche ich mir einen Platz mit Steckdose und mampfe meine Pommes, die ich mit einer Cola versüße. Leider ist der Süßigkeiten-Shop schon geschlossen, als ich mit der Nahrungsaufnahme fertig bin.

Den Einkauf erledige ich dann in Rødby. Recht unerschlossen schlendere ich durch den Supermarkt, als ich darauf hingewiesen werde, dass man um 19.00 Uhr schließt. Ich frage nach der Zeit. 19.04. Das beschleunigt meine Kaufentscheidungen. Man öffnet sogar nochmal das Außenrollo für mich, damit ich den Markt verlassen kann.

Ausgeruht durch die Fährfahrt, entschließe ich mich zum Shelter direkt an der See zu fahren. 22k sind es. Die Sonne ist bereits untergegangen, aber es dämmert noch sehr angenehm und kalt ist mir auch nicht. Ohne Licht, strom sparen strom sparen, pedaliere ich über die Gravel-Piste auf dem kleinen Schutzdeich. Durch den Untergrund und den Wind komme ich nicht soo gut voran, wie noch auf dem deutschen Festland, wo ich angenehemen Rückenwind hatte. Deshalb werde ich mit zunehmender Dunkelheit ungeduldig. Fragen und Ungewissheit schleichen sich in meinen Kopf. Wie weit ist es noch? Verpasse ich den Shelter auch nicht? Minütlich schaue ich aufs Handy, Karten-app, Shelter-app. Ich versuche mich in der Dunkelheit zu orienteren. Interessiert schaue ich in die von riesigen Flatscreen erleuchteten Wohnzimmer der vielen Ferien?häuser. Alles geAppe war übertrieben. Nach den in Rødby abgeschätzten 198 Kilometern erreiche ich den ersehnten Parkplatz. Die App zeigt 2 Shelter an. Den Meernahen scheint es nicht zu geben. Also noch einen Kilometer zum Binnenland-Shelter. 3 kleine Unterstände erscheinen im LED-Lichtkegel. Schaltet man dieses aus, ist es stockdunkel. Irre viele Sterne am Himmel..

Bin ja nicht mehr in Deutschland. Deshalb gibt es sogar free Wifi, da es ein privater Shelter ist, der 3.50 EUR kostet. Ich trinke ein Bier, melde mich daheim und dann baue ich mein Lager auf. Um Mitternacht wache ich frierend auf. War mit auf den letzten Radkilometern noch angenehem warm, friere ich nun mächtig. Meine Befürchtungen (am Vorabend wollte ich diese noch nicht eingestehen) wurden also wahr. Mein Schlafsack ist nicht fürs Frühjahr gemacht. Stunde um Stunde ziehe ich mir mehr an.

Tag 2

Um 6.00 Uhr stehe ich auf. Gefühlt gar nicht geschlafen. Ein Reh weidet 5 m entfernt. Ich grüße freundlich und suche die Toilette, die im Haupthaus sein soll. Bei Helligkeit sehe ich erst die ganzen Häuser um mich herum.

Dann geht es wieder auf den Deich. Ordentlich Gegenwind. Meine Füße sind sehr kalt. Im Umrunde die Südost-Spitze von Lolland. Dadurch gibt es dann immer mal wieder Rückenwind-Passagen. Als ich die Langeland-Fähre erreiche habe ich einen Schokomilch.Stop eingelegt und ganze 54 Höhenmeter absolviert. Der Fährmann hält mich für einen Niederländer und sein Schiff steht schon bereit. Hier gönne ich mir bei der Überfahrt einen heißen Kaffee und ein Lachsbrötchen. Die elektrischen Geräte laden und ich spüre meine Füße wieder!

In Spodsbjerg, erinnere ich mich an einen unschönen, da sehr anstrengenden Segeltag mit Philipp, der hier spät Nachts endete. Nach guten 10k bin ich dann auch schon auf der anderen Seite dieser schmalen Insel. Bei Rydkøbing komme ich durch kahle Apfelplantagen. Hier schicke ich Tracy schnell ein Foto! „Hey, weißt du noch?! Hier waren wir mal“

Und schon bin ich auf der Brücke hinüber nach Slingø. Steifer Seitenwind macht dies zu einer kleinen Mutprobe. Danach geht es an der Hauptstraße (Yeah! LKWs!) nach Tåsinge. Hier entscheide ich mich bei der nächsten Möglichkeit die laute Straße zu verlassen. Und nach ein paar Kilometern finde ich mich in einem Schloss wieder. Verrückt. Erst nach ein paar Minuten realisiere ich, dass ich es kenne. Aber vom Wasser aus. In der Bucht haben Henke, Till und ich bei unserer Segelausbildung geankert. Nach ein paar Kurven erkenne ich den Svendborg-Sund – Hier sind Tracy und ich letzten Sommer hindurch geschippert auf unserem langen Schlag. Die Brücke über den Sund ich bannich hoch. Unten angekommen nutze ich den nächstbesten Parkplatz um meine Kleidung dem Wetter anzupassen. Denn seit Langeland scheint die Sonne! Auf diesem Parkplatz am Sund bestätigt sich mal wieder ein Vorurteil über die Dänen. 4 Jugendliche sitzen in einem Auto, Fenster unten und rauchen. Dann kommt ein älteres Ehepaar im Auto, parken mit guter Sicht aufs Wasser und… bleiben im Auto. Und das bei schönstem Sonnenschein. Sie sind so putzig!

Nun geht es bei tollem Wetter und richtig vielen Hügeln zur Fähre nach Als. Dort sehe ich noch die Fähre am Horizont. Leider nur das Heck. Erst nach 45 Minuten kapiere ich, dass ich noch eine Stunde warten muss. Mittlerweile ist mir kalt. Auch die dänische Schokolade will nicht helfen. Auf der Fähre habe ich einen angenehmen Plausch mit Kristina. Sie hat eine Tagestour in Dänemark unternommen und ist nun wieder auf dem Weg zurück zu ihrem Auto, das im Fährhafen steht.
Während des Gesprächs entscheide ich mich nach Flensburg durchzufahren. Den Zug nach Hamburg zu nehmen. Die lange Wartezeit auf die Fähre hat meine Moral eingedellt und die Aussicht auf eine erneute Bibber-Nacht bringt sie komplett zum einknicken.

Also knappes Verabschieden und nach Flensburg ballern. Ich habe fast 2,5 Stunden für die 55 Kilometer. Ich gestehe mir kaum Zeit um mich endlich mal wärmer anzuziehen. Zwinge mich endlich mal was zu essen – anhalten tue ich dafür „natürlich“ nicht. Meine Fährbkanntschaft hatte recht. Entlang der Hauptstraße (Der Radweg verspottet natürlich fast jeden in D) ist es schnell, aber nicht soo schön. Versuche mich am Sonnenuntergang zu erfreuen und betrachte die Siedlungspolitik der Dänen. Auf der Sonderborg-Brücke schicke ich Till noch ein Selfie. Wieder ein Ort mit dem ich Menschen und Ereignisse verbinde (Erster Ausbildungstörn). Dann rausche ich die dänischen Abfahrten zur Flensburger Förde hinunter. Vorher ging es natürlich nochmal richtig hoch!

Irgendwo im Wald stehe ich dann vor einer kleinen Holzbrücke vor der ein „Fahrrad verboten“ Schild steht. Ich wundere mich. Sowas in Dänemark? Des Rätsels Lösung sickert, nein, schießt mir mit Traurigkeit in den Kopf: Ich bin ohne es zu merken wieder in Deutschland. Mein Weltbild ist wieder in Ordnung. Puh!

Ich rausche durch Flensburg. Selfie für Sandra von der Hansen Brauerei. Ich bin drauf. Die Brauerei eher nicht. Halte bei einem Subway-Schnellrestaurant an. Leider geht hier gar nichts schnell. Es ist nämlich Freitag, wie mir schmerzthaft durch die betrunkene Kundschaft bewusst wird. Deren Sexismus bringt mich innerlich zum kochen! Ich versuche mich mit Blick auf die Uhr zu beruhigen. Der Zug fährt erst in 30 Minuten. Am Bahnhof denke ich an meine Flensburger Großeltern. Hier ist Opa immer mit seinem Automatikwagen bis vor die Schiebetür gefahren um uns abzuholen. Irgendwie ist Flensburg ganz bisschen Heimat – auch wenn ich hier nie gelebt habe.

Nun habe ich viel Zeit. Hole mir ein Flens, eine Zeitschrift und eine Fahrradkarte. Endlich habe ich Zeit mich daheim anzumelden. Auf dem Bahnsteig merke ich erst wie durch ich bin. Erschöpft frage ich den Bahn-Mitarbeiter, ob dies der Zug nach Neumünster sei. „Wenn du dir das wünscht, ja“ kommt die humorvolle Antwort. Erleichtert schiebe ich mein Rad ins Fahrradabteil und stürze mich auf meinen Sub. Nur das Bier schmeckt irgendwie nicht. Zu Erschöpft für Alkohol? Oder weißt mich mein Gewissen auf den selbstauferlegten alkoholfreien März?

In Neumünster umsteigen. Ich verkrieche mich in den Warteraum, mit dem Rücken an die Heizung. Die Fahrt nach Hamburg schlafe ich quasi durch.

Nach einer dringend notwendigen Dusche, versuche ich meine Reise kurz zuammenzufassen. Dann schlafe ich. Lange.

Fotos mit Fahrrad:

385 km
1723 Höhenmeter
4 Brücken
3 Fähren
2 Platten
1 Pommes, Lachsbrötchen, Kakao

Strava #1: https://www.strava.com/activities/2247737927
Strava #2: https://www.strava.com/activities/2250106416

Links:
Shelter-Übersicht Dänemark: https://naturstyrelsen.dk/naturoplevelser/overnatning/shelters/